Psychic Realities

Dr. Walter Seidl

Die Frage nach dem Stellenwert der Kunst als relevantem Marker für gesellschaftliche Veränderungen ist stets mit der Frage nach aktuellen sozialen und ‚psychogeografischen‘ Befindlichkeitstendenzen oder -ebenen verbunden. Wenn es vor vier Jahrzehnten galt, Kunst als Mittel einzusetzen, um auf politisch nicht anerkannte sowie öffentlich bzw. medial nicht sichtbare Lebensformen und körperlich repräsentierte Identitätsformationen hinzuweisen, dann stellt sich nach einer zunehmenden Öffnung der Bildwelten durch Medien und Internet heute weniger die Frage nach dem körperlich Sichtbaren als dem dahinter liegenden mentalen Zustandsbild des Individuums, das nicht zuletzt als Resultat eines sich kontinuierlich beschleunigenden gesellschaftlichen Wandels gilt.

Kunsthistorisch betrachtet bilden die 1960er Jahre den Beginn gesellschaftlicher Veränderungsbestrebungen sowie einer gesteigerten Sichtbarkeit psychischer Verhaltensmodelle, die sich außerhalb jedes Konstruktes der ‚Normalität‘ befinden, die als kulturell signifikantes Moment gewisse Verhaltensweisen einfordert, jedoch persönliche Vorstellungen und Wünsche oftmals konterkariert. Entscheidend sind in vielen künstlerischen Arbeiten – und dies ungeachtet des Mediums – die gesellschaftlichen Bedingungen, die zu Verhaltensformen im Zusammenhang mit pathologischen Persönlichkeitsstrukturen führen und eine Reihe von diskriminatorischen Momenten nach sich ziehen. Den Ausgangspunkt künstlerischer Produktion, die sich mit Verhaltensmodellen abseits des öffentlich Sichtbaren auseinandersetzt und für eine Akzeptanz derselben eintritt, bilden die USA der 1960er und 1970er Jahre. Modelle des gesellschaftlichen Ein- und Ausschlusses wurden zu Beginn vor allem im Rahmen des Feminismus diskutiert, wobei die Problematik der Diskriminierung von Frauen vorwiegend mit Phänomenen wie Hysterie und Depression kurzgeschlossen wurde.

Einer der mittlerweile auch einem breiteren Publikum bekannten frühen Filme, der jenes Problem der psychischen Abhängigkeit vom sozialen Umfeld thematisiert und 1975 auch für einen Oscar nominiert wurde, ist John Cassavetes’ A Woman Under the Influence (Eine Frau unter Einfluss) aus dem Jahre 1974. Der Film konzentriert sich auf das Umfeld der mit dem Bauarbeiter Nick verheirateten Hausfrau Mabel, die außer ihrem Haushalt und der Versorgung der Kinder kein anderes Leben kennt und ihre innersten Bedürfnisse unterdrückt, bis sie schließlich fremdgeht und ihre Sorgen im Alkohol erdrückt. Die Peinlichkeit ihrer Handlung kommentiert ihr Mann gegenüber Freunden mit der Bemerkung, seine Frau sei nicht verrückt, sondern bloß etwas seltsam, wodurch jenes Konstrukt des Verrücktseins – im Englischen der ‚madness‘ – von vornherein hinterfragt wird. Vorkommnisse im Umgang mit Nachbarn führen schließlich dazu, dass Mabel sechs Monate in einer psychiatrischen Klinik verbringen muss, ehe sie wieder in ihr ‚normales‘ Leben zurückkehren kann. Der Film zeigt in anschaulicher Weise, wie bereits in den 1970er Jahren in den USA Probleme mentaler Abweichungsszenarien künstlerisch bzw. filmisch in der Öffentlichkeit verhandelt wurden und wie sich die Behandlung psychiatrischer PatientInnen automatisch ins Alltagsbild einfügt.

Während in Cassavetes’ Film der Aufenthalt in der Klinik dramaturgisch ausgespart bleibt, verhält es sich bei dem im gleichen Jahr nach Ken Keseys Romanvorlage von 1962 gedrehten Film One Flew Over the Cuckoo’s Nest (Einer flog über das Kuckucksnest) umgekehrt. Buch und Film erzählen von den Problemen in einer psychiatrischen Heilanstalt und dem Veränderungspotenzial, das sich durch PatientInnen und Personal einstellt. Die Handlung zeigt in aller Deutlichkeit die Ängste und Nöte psychiatrischer PatientInnen der 1960er und 1970er Jahre, einer Zeit, in der das Bewusstsein um diese Probleme zwar in den USA, nicht aber in Europa öffentlich thematisiert wurde. Gerade in der US-amerikanischen Literatur erschienen seit den 1960er Jahren eine Reihe von Werken zu den Themen Depression, Schizophrenie sowie ihrer therapeutischen Behandlung, die mittlerweile zum Kanon der Weltliteratur gehören, so etwa Sylvia Plaths Roman The Bell Jar (Die Glasglocke) von 1963. Dieser folgt in autobiografischer Manier den literarischen und künstlerischen Erforschungen von Depression anhand des Lebens der 19-jährigen Esther Greenwood, die als erfolgsverwöhnte Schülerin ein Stipendium für eine Eliteuniversität an der amerikanischen Ostküste erhält, jedoch aufgrund ihres mentalen Zustandes in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden muss.

In Europa wiederum gehört das Bild psychiatrischer PatientInnen bis heute nicht zu den allgemeinen Bestandteilen öffentlicher Wahrnehmung. Was in den USA bereits in den 1960er Jahren der Fall war, wurde in Westeuropa nur bedingt wahrgenommen. Hier war es mit Ausnahme der medizinischen Seite vorwiegend das künstlerische Feld, das auf Formen von sozialen und mentalen Abweichungen reagierte, nicht zuletzt auch aufgrund des kontinuierlichen Austausches, der zwischen den KünstlerInnen beider Kontinente erfolgte. In Österreich war es VALIE EXPORT, die sich als erste Künstlerin seit den späten 1960er Jahren mit mentalen Formationen vorwiegend der weiblichen Psyche auseinandersetzte und mit ihren Aktionen und Filmen von Anfang an in einem US-amerikanischen Kontext rezipiert wurde. Eine Zusammenschau der für EXPORTs frühes Schaffen wesentlichen Aspekte zeigt der Film Syntagma aus dem Jahr 1984, der im wortübertragenen, grammatikalischen Sinn eine zusammenhängende Kette an Elementen von EXPORTs künstlerischem Schaffen mit den Problemen in einer geschlechterspezifischen Sozialität verbindet. In Syntagma greift EXPORT jenes Moment der Gespaltenheit der weiblichen Psyche zwischen dem eigenen Körper und einer männlich bestimmten Umwelt auf und rekurriert dabei auf den britischen Psychiater R.D. Laing, der sich in seinem 1960 erschienenen Buch The Divided Self mit dem Problem der Schizophrenie auseinandersetzte und für eine soziale Akzeptanz jenes im Englischen schlicht als „madness“ bezeichneten Phänomens eintritt. Die bildliche Spaltung des Körpers von seiner Umwelt untermauert EXPORT mit dem Zitat: ‚The body clearly takes the position between me and the world, on the one hand, the body is the center of my world. On the other, it is an object in the world of the Others. 1 In EXPORTs Werk ist es von Anfang an zentral, dass der weibliche Körper nicht länger ein Objekt der (männlichen) Begierde darstellt, sondern in der Gesellschaft als vollrechtsfähiges Subjekt wahrgenommen wird. Die psychische Gespaltenheit, die sich in Syntagma bildlich anhand von Foto-Überlagerungen von Körperteilen wiederholt, sollte nicht nur als Verweis auf die Schizophrenie verstanden werden, sondern auch auf die gesellschaftlichen Missstände der 1970er Jahre, die ähnlich wie bei Cassavetes den Ursprung neurotischer, psychotischer sowie depressionsgeladener Handlungen bildeten und die es als solche in geschlechtlicher und sozialer Weise zu überwinden galt.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen psychischen Befindlichkeiten, dem therapeutischen und sozialen Umgang und einer öffentlichen Sichtbarkeit 40 Jahre später in einem internationalen Kunstdiskurs manifestiert? Das vorliegende Projekt versucht, den aktuellen Stellenwert psychosozialer Veränderungen im künstlerischen Feld aufzugreifen und auf die Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein für unterschiedliche psychische Konstellationen im medialen Kontext des 21. Jahrhunderts zu verweisen. Psychic Realities präsentiert zehn internationale künstlerische Ansätze, die sich im Grenzbereich zwischen sozial standardisiertem Verhalten und pathologisch konnotierten Persönlichkeitskonstruktionen bewegen und dadurch der Frage nachgehen, wie jene Verhaltensmuster, die nicht unbedingt mit gesellschaftlichen Normierungsmodellen einhergehen, entpathologisierenden Mechanismen unterworfen sind und sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Situationen manifestieren.

Die politischen und globalen Veränderungen der letzten Dekaden bedingten eine ungehinderte Verbreitung von Information durch Medien und Internet sowie eine Neuformulierung der Psychogeografien westlicher Lebensmodelle. In jüngsten Jahren wurde vor allem mehr Toleranz gegenüber heterogenen Lebenspraktiken eingefordert, die die Werke von VALIE EXPORT Teil einer künstlerischen Avantgarde werden ließen und die in einer globalisierten Welt mit einer schwindenden Ost-West-Dialektik neue Anforderungen an KünstlerInnen stellen. Für Letztere gilt es, Praktiken, die nicht in der Sphäre einer akzeptierten Realität bzw. Normalität angesiedelt sind und auf einem gesellschaftlichen Prüfstand stehen, zu reflektieren und diese in allgemein demokratisierende Prozesse einzugliedern. Dies betrifft ebenso die signifikant gewachsenen Anforderungen an das Individuum und den Einfluss der Informationsdichte in medialer und beruflicher Hinsicht, der eine räumliche  und zeitliche Flexibilität im öffentlichen und privaten Umfeld einfordert. Dieser soziale Wandel bedingt individuelle psychologische und biologische Veränderungen, die sich in letzter Konsequenz auch in den Veränderungen der Gesellschaft widerspiegeln. Verstärkter Druck sowie permanenter örtlicher Wechsel als lebensnotwendige Elemente beruflicher Herausforderungen schaffen Zonen der Prekarität, die sich auf den Lebensrhythmus
auswirken, chronobiologische Dissonanzen hervorrufen und auch zu psychischen Erkrankungen führen.

Die für Psychic Realities eingeladenen KünstlerInnen greifen Modelle einer gegenwärtigen Lebenspraxis auf und gehen dabei auf unterschiedliche Problematiken von psychopathologischen Auffälligkeitsverhalten ein, die von Alkohol als anerkannte Alltagsdroge bis zu bipolaren Störungen, Angst und Depression sowie den Ergebnissen therapeutischer und medikamentöser Behandlungen reichen. Die visuelle Darstellung psychischer Abweichungsmomente rückt die dadurch entstehenden Realitätsverhältnisse ebenso als berechtigte Lebensumstände ins Bild und verweist auf einen in der Öffentlichkeit oftmals verdrängten Alltag, der laut EU-Grünbuch von 2005 in Europa jede/n vierte/n BürgerIn betrifft. Aufgrund der Inkompatibilität psychischer Devianz mit einer sozialen Akzeptanz wird hier vermerkt: ‚Nach wie vor kommt es zu Stigmatisierung, Diskriminierung und Missachtung der Menschenrechte und der Menschenwürde psychisch kranker und geistig behinderter Menschen. Dies stellt europäische Grundwerte in Frage. 2 Behinderungen mentaler und physischer Art werden in Europa nach wie vor aus dem Alltagsbild und seiner visuellen Verbreitung entfernt, was sich auch in der Vermarktung gesellschaftlicher Realitäten widerspiegelt. Der jahrzehntelange Vorsprung der USA hinsichtlich einer angestrebten Entdiskriminierung von ‚mentally and physically challenged people‘ macht sich an zahlreichen Konsumprodukten bemerkbar. Ein Beispiel ist die Produktion einer Barbie Puppe im Rollstuhl – existent in den USA, aber undenkbar in Europa. Ebenso verhält es sich mit der Akzeptanz von psychisch bedingten Einschränkungen im Alltag.

Wie unterschiedlich die Auswirkungen im Alltag sein können, zeigen zahlreiche Studien, die sich auch in den vorliegenden künstlerischen Arbeiten manifestieren. Die am meisten steigende Störung der letzten Jahre ist die Angst. Bereits seit den 1950er Jahren in den USA weit verbreitet, wächst diese vor allem durch das wirtschaftliche Wachstum und die Furcht des Individuums vor einer Unzulänglichkeit im Berufsleben. Ob Europa, Japan oder die USA, die Tendenz ist vor allem in den wirtschaftlich florierenden Ländern steigend und übertrifft gegenwärtig alle anderen psychischen Erkrankungen. Während sich vor allem die Behandlung von Demenzerkrankungen wirtschaftlich durch hohe Kosten auswirkt, gefährden Angststörungen die allgemeine psychische Gesundheit, die die WHO als ‚Zustand des Wohlbefindens, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv und fruchtbar arbeiten kann und imstande ist, etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen‘, definiert. 3 Wie unterschiedlich Leistungen, Fähigkeiten und Empfindungen sein können, die dennoch produktiv zu einer Vielfalt an lebensnotwendigen Erfahrungen beitragen, zeigt Psychic Realities anhand von
Situationen, die als Resultat alltäglicher bzw. situationsbedingter Entwicklungen auf Individuen aller Art ihren Einfluss nehmen.


  • 1 VALIE EXPORT. Syntagma, Wien: 1984, 18 min. Vertrieb: Sixpackfilm.
  • 2 GRÜNBUCH. Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern – Entwicklung
    einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen
    Union. Brüssel: 14.10.2005, KOM (2005) 484, S. 3.
  • 3 Ibid, S. 4.