Vorwort

Dr. Gerald Pail

Die Motivation, als Mitarbeiter eines führenden psychopharmakologischen Unternehmens ein Projekt wie Psychic Realities zu initiieren und zu finanzieren, begründet sich nicht zuletzt in der Perzeption von Begriffen psychopathologischer Natur in Alltagsmedien. Die missbräuchliche Verwendung von Entitäten wie der Schizophrenie als beschreibendes Element von Personen oder Sachverhalten bewegt sich in ihrer Diskriminierung und Stigmatisierung nach wie vor auf einem Niveau, das zum Beispiel in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit große Empörung auslösen würde. Kunst berührt Menschen über sprachliche und kulturelle Barrieren hinweg, über Emotionen und hat sich als verlässlicher Seismograf in einer sich rapide verändernden Gesellschaft bewährt.

In Europa leiden rund 27% der Bevölkerung zumindest einmal im Leben an psychischen Erkrankungen, ein großer Teil davon an einer Depression bzw. an Angststörungen. Die fünf wichtigsten psychiatrischen Erkrankungen (Affektive Störungen, Angststörungen, Sucht, Schizophrenie und Demenz) verursachen einen jährlichen Schaden von 295 Milliarden Euro, in Österreich sind es geschätzte sieben Milliarden Euro, wovon über 30% auf Krankenstände entfallen und ca. 3% auf Medikamentenkosten. Bei depressiven PatientInnen wird nur bei rund einem Drittel die richtige Diagnose gestellt, unter 10% der PatientInnen erhalten eine adäquate Therapie. Die Depression ist wiederum Hauptursache für Suizid, der in Europa jährlich 58.000 Tote fordert und der damit die Todesraten von Verkehrsunfällen, HIV bzw. Tötungsdelikten übertrifft.

Die Entstigmatisierung im Sinne einer engagierten Information der Bevölkerung und hartnäckiger Widerstand gegen die Diskriminierung in jeglichem sozialen Umfeld bilden die Grundpfeiler des Grünbuchs zur Verbesserung der psychischen Gesundheit der Kommission der Europäischen Union und eröffnen damit Zugang zu adäquaten therapeutischen Optionen. Der Schlüssel zum therapeutischen Erfolg liegt ohne Zweifel in der Kohärenz psychopharmakologischer, psychotherapeutischer, soziotherapeutischer und weiterer krankheitsspezifisch therapeutischer Variablen.

Im Zentrum des Projektes stehen 10 Positionen von Künstlerlnnen aus drei Kontinenten, die ihre Imaginationen und Narrationen von Individuen und deren psychischer Wirklichkeit präsentieren. Diese individuelle Sicht sollte in allen Diskussionen im gesellschaftlichen Kontext nie verloren gehen und in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass die Frage nach psychischer Gesundheit und Krankheit in letzter Konsequenz nur individuell und vor allem in Bezug auf sich selbst beantwortet werden kann.

Das Medium Fotografie, das wie kein anderes auf eine Historie zwischen Realität und Künstlichkeit, zwischen Kunst und Nicht-Kunst verweist, fordert uns auf, den Personen ins Auge zu blicken, von denen wir uns nur allzu oft abwenden.


Referenzen

  • Grünbuch - Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern 2005 / Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der EuropäischenUnion / Komission der europäischen Gemeinschaften
  • Andlin-Sobocki, Jonsson, Wittchen, Olesen 2005 / Cost of disorders of the brain inEurope / European Journal of Neurology 12 [Suppl 1]: 1–27
  • Wancata et al 2007 / Die Kosten von Gehirnerkrankungen in Österreich im Jahr 2004 / Wiener Klinische Wochenschrift 119/3–4: 91–98
    Kasper, Lehofer et al 2007 / Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie / Konsensus-Statement - Depression - State of the art 2007