Tears, 2006


Ausstellungskatalog (3,1 MB)

David Benjamin Sherry

David Benjamin Sherrys Aufnahme eines nackten Jungen am Strand, der eine Hand vors Gesicht hält, um die Tränen in den Augen zu verwischen, zeigt die Verletzlichkeit der ‚männlichen‘ Seele, die nur selten ins öffentliche Blickfeld gerät und daher auch im Bild durch die starke Sonneneinstrahlung kaum zu sehen ist. Dass affektive Störungen mehr Frauen als Männer betreffen, ist zwar statistisch erwiesen, jedoch stellt sich im breiten Feld psychischer Erkrankungen nach wie vor die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz von männlicher Instabilität. Der Hang zu einer Dramatisierung alltäglicher Phänomene suggeriert oftmals den Touch einer homosexuellen Prägung, da die öffentliche Darstellung von geschlechterspezifischen Formen psychischer Labilität nach wie vor den kulturellen Zuschreibungen folgt, die mit dem Prinzip ‚des‘ Männlichen und dem Prinzip ‚des‘ Weiblichen verbunden sind. Spätestens seit Judith Butlers Studien zur Aufhebung geschlechter- und genderspezifischer Differenzierungsmodelle in den 1990er Jahren treten männliche Befindlichkeitsebenen mit einer Queer Theory aus einer rein künstlerischen bzw. Subkulturecke heraus und in den Raum allgemeiner medialer und gesellschaftlicher Betrachtungen. Das Eingestehen von Schwäche gilt nicht mehr als genderspezifisches Phänomen, sondern als Resultat gesellschaftlicher Anforderungen an das Individuum, das sich in einem immer stärkeren Wettkampf gegen berufliche und soziale MitstreiterInnen behaupten muss und daher in einem gesteigertem Ausmaß mit der Angst vor dem eigenen Versagen zu kämpfen hat.